Vorlicher als Querab

Man kann versuchen, was man will: Eines Tages wird man vor einem Boot stehen und stammeln "... Das Teil da! ... Das da hinten! ... Nein! Nicht das! ... Das neben dem anderen da vorne, meine ich! ..."

Nun kannst du dich aber beruhigen: Das ging schon unseren Ahnen so. Und deshalb erfanden sie zahllose Begriffe für all die kleinen und großen Dinge, die uns auf einem Boot begegnen.

Für den Anfang reicht es, wenn du weißt, was "Bug" und Heck" sind - "Steuerbord" und "Backbord" musst du allerdings schon für die grundlegenden Prüfungen - also den SBF See oder den SBF Binnen - wissen. Und wenn du dich mit anderen Wassersportlern unterhalten willst, dann kann es nicht schaden, ein paar zusätzliche Vokabeln zu lernen. 

Ja ... neeeee ... is' klar!

In einigen Fragen des Sportbootführerscheins fragt man uns nach wirklich absonderlichen Begriffen. "Sie sehen vorlicher als querab ein anderes Boot ..." und wir sitzen da und schütteln besorgt den Kopf:

"Egal was die da einnehmen --- die müssen unbedingt weniger davon nehmen!"

Fangen wir wieder einfach an, indem wir uns in ein gedankliches Experiment vertiefen:

Es ist ein perfekter Sommertag. Der Wind weht mit einer schwachen 3 Bft, die Segel stehen perfekt auf der Steuerbordseite. Deine Yacht rauscht mit 5 Knoten über das Wasser und schiebt dabei ein wenig Lage, so dass du den Lee-Bereich nicht mehr einsehen kannst. Du schickst Gabi nach Lee um Ausschau nach anderen Booten zu halten, denn als guter Seemann und weil du brav für die Prüfungen gelernt hast, weißt du noch: Wer den Wind von Backbord hat, der muss Vorfahrt geben!

Nach einiger Zeit wird Gabi ganz aufgeregt. Sie hat in Lee ein Boot entdeckt und schon geraume Zeit beobachtet. Nun ist sie sicher: Dieses Boot wird zum Feind und wird seine Vorfahrt reklamieren! ... Doch wie soll sie beschreiben, wo es ist? Wie kann sie es dir schnell und einfach mit wenigen Worten erklären?

Zweifellos könntest du sie mit einen Kompass - am besten mit einem Peilkompass - ausstatten, so dass sie dir die genaue Richtung in Grad sagen kann. Wenn du Glück hast, kann sie es dir auch mit Hilfe von anderen Objekten beschreiben: "Da vorne! Zwischen der Ansteuertonne und der Fischerboje. ... Links von der Untiefen-Tonne, meine ich!" ... Doch Hand aufs Herz: Wer macht das?!

Auch unsere Ahnen hatten längst nicht alle einen Kompass dabei --- dazu waren die Dinger viel zu kostbar. Einen Peilkompass kannten sie schon mal gar nicht; und die Betonnung war damals wirklich sparsam, also gab es auch nur wenige Hilfsbeschreibungen.

Trotzdem brauchten sie eine Richtungsangabe, die immer passt und leicht zu merken ist.

Wäre die Welt doch einfacher!

Recht Voraus, Recht Achteraus, Querab

Wenn das Boot, das Gabi gesehen hat, nett wäre, würde es sich an unsere vier einfachen Richtungen halten, die wir in der Grafik sehen:

  • Recht Voraus, wenn es genau von Vorn kommt.
  • Recht Achteraus, wenn es genau von Achtern - also von Hinten - kommt.
  • Querab, wenn es genau seitlich aufkommt.

... Aber wann sind die Rüpel schon mal nett?

Meistens werden sie sich aus irgendeiner Richtung dazwischen anpirschen und dann brauchen wir eine grobe Richtungsangabe zur besseren Ortung.

Es kommt ungefähr von da!

Vorlicher als Querab

Zwischen "Recht Voraus" und "Querab" gibt es zwar nur sehr ungefähre Beschreibungen, aber diese reichen völlig aus, um uns zu sagen, ob und wenn ja, was wir machen sollen.

Dazu bedienen wir uns eines sehr einfachen Musters: Wir halten uns an "Querab" - das ist genau 90° seitlich vom Boot - fest. Kommt der Feind mehr von Vorne, dann kommt er "Vorlicher als Querab". Kommt der Feind eher von Achtern, also von Hinten, dann kommt er "Achterlicher als Querab".

Nun haben wir endlich unsere "ungefähre Richtung"!

Gabi kann also einfach rufen "Da kommt ein Feind vorlicher als querab!" und wir wissen sofort, dass es Zeit wird, an ein Ausweich-Manöver zu denken ... oder zumindest mal ein Auge auf den Feind zu werfen. (Vielleicht rettet er uns den Tag und hat den Motor an? Vielleicht ist's ja ein Ruderboot auf dem Weg nach Schweden?)

Wenn Gabi allerdings auch schon unsere Lernhilfe "Seerosen einmal anders" gelesen hat, dann weiß sie auch, dass sie uns noch mehr helfen kann, wenn sie genauer wird: "Da kommt ein Feind, 2 Strich Vorlicher als Querab!" erspart uns jedenfalls jedes Gesuche - vorausgesetzt, der Feind ist kein U-Boot.

Und das Beste: Es funktioniert immer und überall. Und wir brauchen kein einziges Hilfsmittel. Einfach Gabi nach Lee setzen und aufpassen lassen; dann können wir mit ein wenig Erfahrung praktisch sogar blind fliegen...

Warum? Ganz einfach! 

Querab ist "am Boot festgemacht". Es dreht sich immer mit dem Boot. Deshalb muss Gabi gar nicht wissen, ob die Richtung, die sie ansagt, Norden, Nordnordwest, Nordwest oder Westnordwest ist. Aber WIR wissen sofort, wenn Gabi brüllt, aus welcher Himmelsrichtung er kommt. Ganz abgesehen davon: Himmelsrichtungen sind zum Peilen und Orten absolut notwendig; für die Vorfahrt aber unbedeutend.

Bleibt eine einzige Frage offen: Wo beginnt Querab eigentlich?

Im Grunde ist diese Frage belanglos. Bei unseren Sportbooten macht das einen Unterschied von - höchstens - 20 Metern, was einen Winkelfehler von weniger als 15° - also etwas mehr als ein Strich - bedeutet. Und das ist in der Sportschifffahrt - und insbesondere auf derart kurze Distanzen - schon ziemlich genau.

Praxis-Tipp

Faktisch ist es zwar "Mittschiffs", also genau in der Mitte der Längsachse des Bootes. In der Praxis kannst du aber deinen Leuten bei der Einweisung sagen, dass sie sich am Mast - oder am Leewant - orientieren sollen. Da der Mast "ungefähr mittschiffs" steht, reicht das absolut aus und du musst keinen Vermessungspunkt auf deine schöne Yacht pappen...

Es hat sich auch bewährt, Querab einfach dort festzulegen, wo Gabi noch sicher sitzen kann --- also so weit vorn in der Plicht wie möglich. Damit hast du deine Crew im Blick, befolgst die Regeln seemännischer Sorgfaltspflicht und hast immer noch ausreichend Orientierung, wenn Gabi brüllt.