Wahrer Wind? Falscher Wind? Guter Wind? Raumer Wind? --- Geht's noch, oder was?!

In dieser Lernhilfe beschäftigen wir uns mit dem Wind. Woher kommt er? Warum? Und wie macht er das?

Wer in Physik bzw. Mathe ein bisschen aufgepasst hat (Ich sage mal "Vektorrechnung"), der wird denken: "Will der Typ mich verarschen? Das kenne ich doch längst!". Und wer nicht aufgepasst hat, der wird denken: "Will der Typ mich verarschen? Das kenne ich doch längst!" :)

Auf geht's: Lasst uns um Altbekanntes ordentlich Wind machen!


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Wie sieht's an Land aus?

Nun sind wir Wassersportler zwar auf dem Wasser unterwegs. Aber dort gibt's nicht extra für uns eine völlig neue Physik. Der Wind pustet an Land und auf dem Wasser nach den gleichen Regeln. Und das nutzen wir jetzt schamlos aus, denn an Land kennen wir uns bestens aus. :)

Wind bei Windstille

Du kennst das: Es ist völlige Flaute (= Windstille). Dennoch wehen bei dem Jogger dort hinten die Haare ... im Wind. Wie kommt das? Es weht doch gar kein Wind!

Tatsächlich erzeugt der Jogger seinen Wind alleine, nicht wahr?! Egal wo er hinrennt: Der Wind kommt für ihn immer von vorn.

Aber was steckt dahinter?!

Der Wind ändert seine Richtung

Auch dieses Phänomen kennen wir: Es ist ein schöner Tag. Der Wind weht ganz ordentlich von der Seite. Wir steigen aufs Fahrrad und fahren den schönen Hügel vor uns herunter. Und je schneller wir fahren, desto mehr denken wir: "Mensch, der Wind dreht! Jetzt kommt er immer mehr von vorn!"

Ist das so? Stimmt das wirklich? - Wenn wir anhalten, weht er doch wieder von der Seite. Dreht er zurück? Merkt er, wenn wir langsamer werden und anhalten?

Oder was steckt dahinter?!

Windstärke 5 und gleichzeitig Windstille

Und auch das kennen wir: Wir haben ordentlich Wind. Sagen wir, es sind 5 Bft, also eine "frische Brise". Und wir machen ausgerechnet heute eine Fahrradtour zu unserer Lieblings-Landkneipe. Dummerweise kommt der Wind genau von vorn, was ganz klar bedeutet: "Strampel dir doch die Seele aus dem Leib! Na los!" Mühsam quälen wir uns zur Kneipe. Dort angekommen freut sich der Wirt, denn nun haben wir richtig Hunger und Durst.

"Scheiß Wind!", denken wir beim Essen, während wir uns Gedanken machen, wie wir wohl den Heimweg überstehen sollen. ... Und dann das: Kaum sind wir aufs Fahrrad gestiegen und haben den Heimweg angetreten, flaut der Wind ab. Wo wir uns vorhin noch so quälten, ist er nun fast völlig weg. ... "Miststück, das! Hätte er das nicht auf dem Hinweg machen können?"

Und es kommt noch interessanter: Bei einer kurzen Pause stellen wir fest: "Hey, der Wind ist ja gar nicht weg. Er weht immer noch mit einer frischen Brise von hinten."

Was steckt dahinter?!

Es ist alles Physik!

Auf all die Fragen, die wir uns eben gestellt haben, gibt es eine Antwort: Vektorrechnung. (Ja, manchmal ist das Schulwissen wirklich fürs Leben gemacht. :))

Schauen wir es uns mal an:

Da ist unser Radfahrer.

Und der Wind (= Wahrer Wind) kommt von der Seite. Aber je schneller er fährt, desto mehr scheint der Wind von vorn zu kommen.

Stimmt's? - Kennst du auch, oder?!

Der Wind dreht also nicht wirklich, sondern der Fahrtwind macht irgendwas mit dem Wahren Wind.

Kapiert? Wirklich? - Dann kannst du ja längst Vektorrechnung! Viel mehr ist das nicht. Denn ab jetzt geht es nur noch um Feinheiten...

Wind bei Windstille

Wir hatten es oben als Beispiel: Den Wind, der bei völliger Windstille das Haar des Joggers wehen lässt. Nun können wir es erklären:

Wir haben ja Windstille. Also gibt es keinen Wahren Wind. ... Nur den Fahrtwind.

Und je schneller wir laufen (oder fahren), desto stärker wird der Fahrtwind.

Logisch, oder?!

Der Wind ändert seine Richtung

Das ist eine der beliebtesten Fragen in der SBF-Binnen-Prüfung zum Segelschein. Und mittlerweile können wir darüber nur noch müde lächeln: Natürlich ändert der Wind seine Richtung! Aber nicht der Wahre Wind, sondern der Scheinbare Wind. Und Schuld hat der Fahrtwind!

Sportbootführerschein Binnen Segel - Wahrer Wind - Scheinbarer Wind - FahrtwindNehmen wir an, der Wahre Wind würde genau nach Norden wehen. Und nehmen wir weiter an, der Fahrtwind würde genau nach Osten wehen. 

Dann wäre der Scheinbare Wind IMMER ein Wind, der in Richtungen zwischen Norden und Osten weht.

Und die Linien sind nicht ohne Grund eingetragen: Der Scheinbare Wind ist immer ein Resultat aus Richtung und Stärke der beiden anderen Winde. ... Ehrlich: Das ist schon sein ganzes Geheimnis. Und das ist auch das ganze Geheimnis unserer Vektorrechnung, die wir hier brauchen - Nicht mehr. Aber auch nicht weniger. :)

Wir können also jederzeit sagen, wie stark der Scheinbare Wind  sein wird und aus welcher Richtung er kommen wird. Allerdings brauchen wir das nicht so genau in der Prüfung. Also lassen wir jetzt auch die Finger davon...

Aber wir merken uns: Der Scheinbare Wind ist IMMER ein Ergebnis aus

  • Windrichtung
  • Windstärke

des Wahren Windes und des Fahrtwindes.

Das ist nicht so einfach zu glauben?

Machen wir die Probe aufs Exempel!

Wir fahren schneller! Wir geben so richtig Gas! Und? Was passiert?

Genau! Der Fahrtwind wird stärker, aber der Wahre Wind ändert sich nicht.

Und was passiert mit dem Scheinbaren Wind? --- Auch richtig! --- Er "dreht" auf uns zu: Der Wind scheint immer mehr von vorn zu kommen.... Und er wird stärker, wie man an der Länge des Pfeils deutlich erkennen kann, nicht wahr?!

(Der blasse Pfeil ist der Scheinbare Wind aus unserem Beispiel von eben. Der dicke, fette rote Pfeil ist der Scheinbare Wind, wie er wird, wenn wir Gas geben und den Fahrtwind verstärken.)

Wir merken uns also:

Der Wahre Wind ist auf dem Boot schwer zu finden. Wir haben fast immer einen Scheinbaren Wind. Und deshalb müssen wir uns dort orientieren, wo sich nix bewegt. An Land beispielsweise. Oder bei Ankerliegern. Nur dort sehen wir, wo der Wahre Wind herkommt.

Prüfungsfragen beantworten

Mit diesem Wissen bewaffnet, können wir jetzt alle entsprechenden Prüfungsfragen locker und entspannt beantworten. Ein paar davon nehmen wir uns hier her. Das übt und festigt das Wissen. :)

Frage Nr. 278:

Warum ist der Scheinbare Wind auf einem Kurs hoch am Wind stärker als der wahre Wind?

"Hoch am Wind" ist ein Kurs "gegen den Wind". Der Rest ist dann Malerei und Grafik. :)

Wir fahren genau nach Norden. Also kommt der Fahrtwind auch genau aus Norden. Der Wahre Wind hingegen kommt auf einem Am-Wind-Kurs immer "irgendwo von vorn". In unserem Beispiel kommt er aus Westnordwest. 

Und wir wissen: Der Scheinbare Wind ist immer ein Resultat aus Fahrtwind und Wahrem Wind.

So aufgemalt, wie du es links sehen kannst, erkennt man leicht, dass der Scheinbare Wind stärker als der Wahre Wind ist.

Und warum ist das so? - Ganz einfach: Der Wahre Wind wird mit dem Fahrtwind addiert. (Und gedreht, aber in der Prüfung wird das nicht gefragt.)

Es ist ein Dauer-Tipp:

Wenn du etwas nicht verstehst: Male es dir auf! So wirst du leichter durchschauen, was da abgeht...

Warum raumt beim Einfallen einer Bö auf Amwindkurs der scheinbare Wind?

Hach, ist das nicht eine schöne Prüfungsfrage? Ist sie nicht wunder-wunderschön? Herrlich! Ich könnte sie minuten-, naja, sekundenlang anstarren. :)

Sie ist in der Prüfung zum Sportbootführerschein Binnen eine der am häufigsten auftauchenden Fragen. Satte 8 Fragebögen (4 x Motor + Segel und 4 x rein Segel) nutzen sie. Und warum? Sie beinhaltet perfiderweise fast alles, was wir über Wind wissen müssen. Also für die Prüfung wissen müssen, natürlich...

Schauen wir sie uns mal in Ruhe an. Und beginnen wir, erst mal zu verstehen, was man uns überhaupt fragen will:

Amwindkurs = Das ist ein Kurs der "irgendwie GEGEN DEN WIND" führt. "Am Wind" eben. ("Kreuzen" würden wir sagen, wenn wir den Zick-Zack-Kurs meinen, der uns am Wind ein Ziel ansteuern lässt, das irgendwo gegen den Wind liegt.)

Raumen = Das ist die Drehung des Windes von vorne zur Seite (und darüber hinaus). Das Gegenteil nennen wir übrigens "Schralen". Aber das wird in der Prüfung nicht gefragt.

Wenn der Wind also "immer mehr von hinten kommt", ohne dass wir unseren Kurs geändert haben, dann "raumt der Wind".

oder Böe = Das ist eine kurzzeitige (meist nur ein paar Sekunden, selten mehrere Minuten) andauernde Auffrischung des Windes.

Und, verdammt noch mal, warum macht er das nun? Warum "raumt" er, wenn eine Bö kommt?

Die eigentliche Frage, die man uns hier stellt, lautet also: Warum dreht der Scheinbare Wind seitlicher, wenn der Wahre Wind (kurzzeitig) zunimmt?

Letzten Endes ist es eigentlich nur die Umkehrung der Frage: Wenn wenig wahrer Wind weht, wann merken wir nur noch den Fahrtwind? ;)

Um das ganz einfach lösen zu können, schauen wir uns mal beide Situationen an:

  1. Wie war das mit dem Scheinbaren Wind VOR der Böe?
  2. Wie ist das mit dem Scheinbaren Wind WÄHREND der Böe?

Warum raumt der Wind während einer Bö?In der linken Abbildung sehen wir, wie die Situation vor der Böe war.

Der Fahrtwind pustete uns von vorn um die Ohren, der Wahre Wind kommt aus WestNordWest.

Daraus resultiert bekanntlich der Scheinbare Wind, der nun aus NordNordWest zu kommen scheint. Folglich haben wir einen wunderschönen "Am-Wind-Kurs" für unser Segelboot.

Während der Böe nimmt der Wind zu. In unserer Grafik sehen wir das, indem wir den Wahren Wind ein bisschen verstärken (seinen Pfeil verlängern).

Warum raumt der Wind während einer Bö?

Der Fahrtwind pustete uns immer noch von vorn um die Ohren, der Wahre Wind kommt immer noch aus WestNordWest. Nix hat sich verändert: Wir sind nicht schneller oder langsamer geworden, und auch der Wahre Wind hat seine Richtung nicht geändert. Nur stärker ist er geworden ... wegen der Böe...

Aber der Scheinbare Wind hat gedreht! --- Jetzt kommt er nicht mehr aus NordNordWest, sondern mehr aus NordWest.

Am blassen Pfeil sieht man es sehr gut: Eben noch wehte der (scheinbare) Wind viel weiter von Norden.  Nun scheint er nach Westen gedreht zu haben.

 

Und das ist die Antwort auf die Frage "Warum raumt der Wind auf einem Amwind-Kurs, wenn eine Bö kommt?"

Der Wahre Wind raumt gar nicht. Würden wir stehen (= keine Fahrt machen), würden wir nur merken, dass der Wind einfach zunimmt. Wenn wir aber Fahrtwind haben, entsteht der Scheinbare Wind, der immer "ein bisschen aus der Richtung des Fahrtwindes" kommt. Und in einer Böe verstärkt sich der Wahre Wind, was dazu führt, dass auch der Scheinbare Wind wieder ein bisschen mehr aus der Richtung des Wahren Windes kommt. Und das wiederum nennen wir "raumenden Wind". ... Logisch, oder?!

Und falls du jetzt denkst: "Und was passiert, wenn ich genauso viel schneller fahre (= mehr Fahrtwind produziere), wie der Wind zunimmt (= Böe kommt)?" --- und wenn deine Antwort ungefähr "Gar nix. Es würde gar nix passieren, außer dass mehr Wind ist." lautet, dann hast du die Sache mit dem raumenden Wind perfekt verstanden. Mehr wissen auch die Leistungs-Segler auf den Rennyachten nicht darüber. Sie wenden nur die vielen kleinen Feinheiten dieser Information gezielt an, um schneller zu sein. :)

Alle Klarheiten beseitigt? Dann aber zack-zack wieder zurück zu den Lernfragen!