Lernhilfe: Ausweichen?! - Ich doch nicht!

FenderAuch auf dem Wasser sind wir prinzipiell bemüht, nicht zu viel Schaden zu verursachen und den "Auto-Scooter" auf dem Jahrmarkt zu lassen. Und auch die sogenannten "Fender" sind, auch wenn mancher es offenbar bis heute glaubt, nicht dafür gedacht, sich quasi "stoßweise" vorwärts zu bewegen...

Insofern kennen auch wir ein paar Regeln. ... Und die erste lautet gleich mal:

Es gibt, verdammt noch mal, keine Ausweichpflicht!

Ja, du hast richtig gelesen! :) Bei uns gibt es keine Ausweichpflicht, sondern eine Kurshalte-Pflicht. Und das bedeutet: Wenn du "Vorfahrt" hast, musst du auch darauf bestehen und sie durchsetzen. Erst im allerletzten Moment vor einem fast unausweichlichen Zusammenstoß darfst du selbst ausweichen. Wir nennen das dann "Manöver des letzten Augenblicks".

All das mag am Anfang verwirrend klingen. Es erklärt sich aber, wenn du mal die Brems- und Manövrierwege eines Bootes verfolgst: Im Auto scharf nach links oder rechts gelenkt, bedeutet, dass dein Auto einen wilden Haken schlägt. Im Boot scharf nach links oder rechts gelenkt, bedeutet, dass dein Boot ... erst mal nix macht. Nach einiger Zeit beginnt es, sich langsam in die neue Richtung zu drehen. Und irgendwann fährt es sogar in die neue Richtung. Doch je größer und schwerer und langsamer dein Boot ist, desto langsamer dreht es sich. ... Also ist Ausweichpflicht schlechter als Kurshaltepflicht...

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Regel 1: Beruf geht vor Hobby

Jedes Mal, wenn wir in der Prüfung nach "Ausweichen oder nicht?" oder "Vorrang oder nicht?" gefragt werden, schaust du nach, ob es sich eventuell um ein "Berufs-Fahrzeug" handeln könnte, das an der Frage beteiligt ist.

Wenn ja: Die haben IMMER Vorfahrt! Vor allen anderen! An Schleusen genauso, wie beim Ausweichen.

Regel 2: Der Stärkere weicht vor dem Schwächeren aus!

Wenn Regel 1 nicht zutrifft, greift automatisch diese Regel: Der Stärkere weicht vor dem Schwächeren aus.

Auch hier ist es logisch, wenn wir uns vorstellen, ein Motorboot und ein Segelboot bzw. Surfer begegnen sich ... bei Windstille. :) Wie soll der Segler ausweichen? Soll er ins Wasser springen und sein Boot schwimmend aus dem Weg ziehen? Soll er das Paddel nehmen und in Windeseile beiseite paddeln?

Alles Unfug, nicht wahr?! - Der Motorbootfahrer hat's doch viel leichter: Ein kurzer Ruck am Ruder und er macht einen - mehr oder weniger eleganten - Bogen um den Schwächeren. Ganz ohne Mühe und Aufwand...

Das gilt übrigens auch, wenn sich zwei Segelboote begegnen, von denen eines einen schwarzen Kegel oder das "Dampferlicht" (= weißes Topplicht) zeigt: In diesem Fall ist der Kegel bzw. das Dampferlicht unsere Kennzeichnung für "Aha, sieh mal an: Der schummelt! Auch wenn er seine Segel oben hat, fährt er mit der Maschine. Also muss er auch die Regeln der Maschinenboote beherzigen und ist selbst zum Stärkeren geworden!"

Regel 3: "Backbord-Bug vor Steuerbord-Bug"

Yes! Wir haben es gesagt: "Backbord-Bug vor Steuerbord-Bug!"

Auch wenn jedem Prüfer dabei die Haare zu Berge stehen, weil die Regeln und Gesetze es juristisch korrekter ausdrücken: Uns reicht es zum Bestehen der Prüfung allemal aus!

Ein Segelboot ist auf Backbord-Bug, wenn der Großbaum des Segels auf der Backbord-Seite (links) steht --- also wenn der Wind von rechts (= Steuerbord) kommt. Folglich ist ein Segelboot auf Steuerbord-Bug, wenn der Großbaum des Segels auf der Steuerbord-Seite (rechts) steht --- also wenn der Wind von links (= Backbord) kommt.

Wind von Steuerbord? - Backbord-Bug!
Wind von Backbord? - Steuerbord-Bug!

Sobald wir das festgenagelt haben, wird es mit dem Ausweichen viel, viel einfacher, als wenn wir uns erst in die komplizierte Ausdrucksweise der Fragen eindenken sollen.

Warum dann so kompliziert in der Prüfung? - Nun, es gibt Situationen, in denen das nicht ganz sicher ist oder manipuliert werden kann. Beispielsweise könnte man den Großbaum einfach auf die andere Seite drücken und folglich hätte man Vorfahrt, obwohl man sie gar nicht hat. Das nach einem Zusammenstoß sicher bestimmen zu können, finden Versicherungen und Behörden sehr schwierig. Deshalb gibt es die juristisch genaueren Bezeichnungen "Wind von ..."; denn das ist eindeutiger.

... Allerdings ist es für Einsteiger auch schwerer zu begreifen. Und "Backbord-Bug vor Steuerbord-Bug" wird zwar jeden Prüfer verrückt machen; es hilft uns aber, die Fragen leichter zu beantworten. Und das ist das Einzige, was zählt... :)

Regel 4: Lee vor Luv!

Mit den ersten drei Regeln können wir die Situation immer noch nicht auflösen?

Kein Thema: Da gibt es noch eine letzte Regel, die dann greift: Lee vor Luv!

Lee = windabgewandte Seite
Luv = windzugewandte Seite

Wir stellen uns vor: Da sind zwei Segelboote. Beide haben den Wind von der gleichen Seite, fahren also auf dem gleichen Bug (= in die gleiche Richtung). Das eine Segelboot fährt allerdings ein bisschen höher am Wind, so dass sich beide Boote irgendwann treffen werden. Wer muss ausweichen? Wer muss den Kurs halten?

Hier gilt ganz klar: Lee vor Luv!

Beispiel 1

VorfahrtsregelnGenug das Hirn gemartert: Machen wir ein paar Beispiele.

Hier haben wir eindeutig NICHT Regel 1 (Kein Berufsschiff weit und breit).

Auch Regel 2 trifft nicht zu (Kein Motorboot weit und breit).

Wir haben einen Wind-Pfeil (W) und zwei Segelboote (A) und (B).

Das bedeutet: Hier geht es um Regel 3 oder 4...

Segelboot (A) hat den Wind von ... errr ... links ... also Backbord. Folglich fährt es auf Steuerbord-Bug. Und Segelboot (B) hat den Wind von ... warte ... rechts. Also fährt es auf Backbord-Bug.

... und Regel 3 sagt: Backbord-Bug vor Steuerbord-Bug. Also muss Segelboot (A) ausweichen. Stimmt's? --- Hier ist die passende Frage der Prüfung. Teste es selbst!

Beispiel 2

VorfahrtsregelnDas erste Beispiel war zu einfach? - Testen wir unsere Regeln an einem schwereren Beispiel. :)

Regel 1? - Entfällt! Kein Berufsdings zu sehen!

Regel 2? - Entfällt! Kein Motorboot zu sehen!

Bleiben wieder einmal Regel 3 und 4 übrig, um unsere Vorfahrt zu klären:

Die Boote (B) und (C) haben den Wind von der gleichen Seite (links, Backbord) - damit fahren sie auf dem Steuerbord-Bug. Boot (A) hat den Wind von rechts (Steuerbord) - fährt also auf dem Backbord-Bug.

Damit steht fest: (A) ist laut Regel 3 kurshaltepflichtig! (B) und (C) müssen ausweichen.

Wenn aber (B) und (C) ausweichen, kann es untereinander eng werden. Und das bedeutet, auch die beiden müssen voreinander ausweichen. Und da greift dann Regel 4: Lee vor Luv!

Folglich muss

  • (C) vor allen ausweichen (Regel 3 & Regel 4),
  • (B) vor (A) ausweichen, aber sobald das geschehen ist, gegenüber (C) den Kurs halten
  • (A) kann - nein: MUSS, denn es ist kurshaltepflichtig - einfach geradeaus durchbrettern...

Stimmt's? --- Hier ist die passende Frage der Prüfung. Teste es selbst!

Übrigens: Das ist mal wieder ein Glanzstück der Prüfung! In der Praxis würde man das - notgedrungen - ganz anders auflösen. Da (B) vor (A) ausweichen muss, würde es entweder wenden und damit auch (C) entlasten, oder es würde hinter (A) durchfahren, was dazu führen würde, dass es auch hinter (C) zurückfällt, so dass abermals (C) nichts mehr mit (B) zu tun hätte.

Um (C) und damit das Lee-Recht überhaupt ins Spiel bringen zu können, müsste (C) nach dieser Abbildung etwa zwei Bootslängen hinter (B) liegen. Doch das würde bedeuten, dass (A) längst vorbeigezimmert ist, wenn (C) ankommt, so dass (C) gar nicht mehr (A) Platz machen müsste... Aber hey, was tun wir nicht alles für die Prüfung, nicht wahr?!

Beispiel 3: Die Ausnahmen von der Regel...

VorfahrtsregelnKeine gute Regel kommt ohne ihre Ausnahmen aus. Auch in der Prüfung haben wir davon ein paar...

Regel 1? - Nein, da ist kein Berufsdings ... na ....boot.

Regel 2? - Ja, da ist ein Motorboot. Also muss es ausweich... errrrr ... wohin denn? Kann es nach links? Kann es nach rechts?

Nein! Nix davon! Und bremsen? - Auch das ist auf dem Wasser so eine Sache. Es dauert ein bisschen. Bei größeren Booten auch gern ein bisschen länger. Und natürlich könnte man jetzt Regeln aufstellen, wie etwa "Bis zu einer Wasserverdrängung von ca. 10 cbm muss (A) ausweichen, darüber (B)" oder so. Aber danken wir Gott, dass wir es einfacher haben:

Da das Motorboot nicht ausweichen kann; das Segelboot aber sehr wohl viel Platz hat; muss auch das Segelboot ausweichen, um dem Motorboot Raum zu geben.

Aber wie gesagt: Das ist eine Ausnahme! --- Hier ist die passende Frage der Prüfung. Teste es selbst!